Mein Gottesdienst

Lesezeit ca.: 3 Minuten
Gartenbank und Kaffee
Meine Kirchenbank

Ich stehe gegen halb sieben auf

Ich mache mir meinen Morgenkaffee

Auf dem Sofa sitzend gehe ich in meine Morgenandacht

Wie geht es mir?

Was fühle ich?

Was spüre ich?

Was denke ich?

Die Sonne scheint durchs Fenster

Draußen genieße ich die Stille des Morgens

Kein Rasenmäher, keine Kettensäge, keine Autos und keine knatternde Mopeds

Die Vögel singen

Ab und zu kräht ein Hahn

Selbst die Schafe schlafen noch

Ich ziehe das T-Shirt, die Schuhe und die Socken aus

Ich gehe barfuß durchs Gras

Der Tau benetzt meine Füße

Ich fühle mich verbunden mit dieser Erde

Ich schnappe mir die Sense und mähe ein paar Schwaden Gras

Immer wieder halte ich inne

Stütze mich auf die Sense

Schaue mich um

Ich füttere die Schafe (des Nachbarn)

Ich denke, warum brauchen die Menschen wilde Partys und tolle Konzerte?

Vielleicht, weil sie heute nicht mehr mit sich selbst und mit der Schönheit der Natur verbunden sind und den Moment genießen?

Ich bin am Garten

Die Wasserperlen an den langen Grashalm glitzern wie tausend kleine Diamanten

Ich bin überwältigt

Welch ein Reichtum

Welche eine unbeschreibliche Schönheit

Welch eine Stille und ein Frieden

Spüre die Hitze des beginnenden Tages auf meiner Haut.

Vor meiner Haustür blüht einer Mohnblume

Es ist 10 Uhr. Die Kirchenglocken läuten (angeblich das drittschönste Geläut in Sachsen, wer hat das wohl herausgefunden?)

Ich bin stolz auf unsere Glocken

Die rufen mich zum Innehalten, zur Besinnung, einem kurzen Stopp im Alltagsbetrieb

Der alte Nachbar knattert mit seiner roten Schwalbe (ohne Helm) vorbei. So kenne ich ihn seit vielleicht 40 Jahren

Mit meinem zweiten (koffeinfreien) Hafermilch-Latte setze ich mich wieder auf meiner Gartenbank vorm Haus

Ich lausche den Glocken und dem Ziwit eines Vogels

Im Haus klappern die Türen

Ich höre, wie im Keller die Wasserpumpe anspringt

Die Kinder stehen auf

Das Dorf erwacht

Auf der fernen Hauptstraße höre ich das eine oder andere Auto leise vorbeirauschen

Die Glocken verklingen. Da der letzte Schlag der großen Glocke

Ein paar Leute werden in Kirche beim Gottesdienst sitzen

Mein Gottesdienst ist gerade vorbei, denke ich

Dann fällt mir ein, mein ganzes Leben soll ein Gottesdienst sein, eine Hingabe an den Moment, an die Schönheit und den Schmerz des Seins und des Vergehens

Die Mohnblüte hat ihre Blätter verloren

Nur noch ein Stängel mit einer Samenkapsel

Ich war der Letzte, der sie so schön sah

Eines Tages werde ich sterben

Wer wird dann auf “meiner” Bank sitzen und seinen Morgenkaffee trinken?

Eines Tages, doch nicht heute. Jetzt ist mein Moment. Jetzt ist meine Ewigkeit.

Ich danke dir

Amen

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