Adam – Warum er wirklich das Paradies verließ

Lesezeit ca.: 20 Minuten

Ich habe mir vorgestellt wie es hätte sein können. Mit Adam. Und Eva. Kein strafender Gott. Ohne böse Schlange. Flügge werden. Das Nest verlassen. Eine Liebesgeschichte ist daraus geworden…

Adam und Eva am Strand
Adam und seine Eva. Das erste Liebespaar.
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Another day in Paradise

‚Er‘ lebte im Paradies. Brauchte sich um nichts kümmern. Alles super, keine Pflichten. Ein Schlaraffenland. Urlaub ‚all inklusive‘. Strolcht allein, fröhlich und los jeder Verantwortung durch die Gegend. Für seine Bedürfnisse war gesorgt. Es gibt genug zu essen, es ist weder zu kalt noch zu warm. Allabendlich spaziert er mit Big D und bespricht, was tagsüber abging. Big D ist der Größte für ihn. Die ersten Jahre war das ja ganz cool. Viele Weitere würden ins Land gehen, schließlich hatte er alle Tiere zu benennen. Krasse Aufgabe. Die hatten wenigstens einen Buddy. Er nicht, als Einziger. Ihm war langweilig. Naja, Big D war auch noch da. Der war eher ‚se boss‘.

Adam hatte einen langen Tag hinter sich. Heute hatte er im Riff süße Clownfische entdeckt. Er war müde. Nach einem üppigen Abendbrot schlief sofort ein, direkt unterm Bananenbaum. Er träumte von den Clownfischen, selbst die waren zu zweit. Er hätte Big D fragen sollen, was es damit auf sich hat. Im Einschlafen breitete sich eine Wärme um seine Körpermitte aus, dort wo wir unseren Nabel haben. „Wow“ war sein letzter Gedanke….

Eine schwierige Operation

Gott hatte sich mit der Chefetage beratschlagt und meinte: „Lasst uns heute was Ausgefallenes machen…“ Adam kam auf den steinernen OP-Tisch. Eine Rippe musste raus. Das war tricky, so nah am Herzen. Beim letzten Schnitt hatte Gabriel, Big D’s Assistent, nicht aufgepasst. Es gab eine Läsion. Keine schlimmen Blutungen, nix Ernstes, gleich genäht. Alles paletti. Trotzdem. Das würde immer wieder weh tun.

Adam wachte auf. Wie lange hatte er geschlafen? Ihm war schummerig. Hätte es Alkohol gegeben, dann wüsste er, wie sich eine durchzechte Nacht am nächsten Morgen anfühlte. Schwerer Kopf und Glieder. Er will aufstehen. Ahhhh. Ein stechender Schmerz. Er fasst sich an seine Seite. Was ist das? Blätter? Roter Saft an seinen Fingern. Dieser ‚Saft‘ hat einen seltsamen Geschmack. Neben ihm steht Gabriel. Er hilft ihm auf. Was macht der denn hier? Die Nummer zwei. Der Vertreter von ‚se boss‘. Er kannte ihn bisher vom Sehen. Big D sitzt mit ihm und den anderen jeden Sommer unter der Linde am Bach und bespricht ‚wichtiges Zeug‘. Sie nannten es Vollversammlung. Adam war nicht dabei. Es langweilte ihn. Diese ewige Singerei in Vorprogramm… Obwohl, zum Höhepunkt des Festes sang Luzifer….

Weiter hinten erkennt er ihn verschwommen, er redet mit jemandem. Keine Ahnung wer das ist. Er sieht den Rücken. Sicher ist es wieder „hammer interesting“ oder „super important“, wie sich ‚Luzi die Leuchte‘ auszudrücken pflegte. Bei Luzi is alles immer „too much“.

Er ist der schönste von Big D‘s Gardeoffizieren. Schlanker und zierlicher. Lzui war nach Adams Geschmack ausnahmslos „overdressed“. Er trug die herrlichsten Gewänder, welche man sich vorstellen kann. Perlen, glitzernde Steine, Ketten, Ringe am Hals, an den Armen und Fingern. Einen Stirnreif, mit einem imposanten, eingefassten Diamanten. Die Engel tuschelten darüber, es wäre angeblich der Morgenstern. Es sah aus, als würde er schweben und nicht laufen. Das war „nothing“ im Gegensatz dazu, wenn Luzi anfing zu singen. Es kam Adam vor, als würde in dem Moment alles aufhören zu existieren. Adam wurde ganz Gefühl. Einzig seine Stimme existierte. Viele von Big D‘s Angestellten waren Fans von Lzui. Nummer drei in der Führungsebene. All dass schien ihm nicht zu genügen….

Der Neue

Ihm ist übel und schwindelig. Alles dreht sich in seinem Kopf. Eigenartig. Big D brachte eines Tages ein Geschenk mit. Honig nannte er es. Er schmeckte fantastisch. Einmal davon gekostet, verlangt man danach. Wieder und wieder.

Er kam sich vor, als ob er sehr, sehr lange keinen Honig mehr gegessen hatte.

In dem Moment steigt Big D weiter unten aus seinem neusten ‚Carriot of fire‘. Im Normalfall hätten sie gemeinsam eine Runde gedreht. Das wäre echt fett. Mit dem Chef im Wagen durch die Gegend cruisen. Gabriel beeilt sich, zu Gott zu kommen, und bringt ihn auf den aktuellen Stand. Adam hört nicht richtig zu. Scheinbar schlief er drei Tage. Abgefahrn. Big D blickt komisch zu ihm. Grinst er? Hatte er sich an einer Koralle verletzt? Er erinnert sich nicht. Oder waren die Bananen verdorben? Sicher nicht. Im Garten ist alles fehlerlos. Was zur Höll… weiter kann er grad nicht denken. Adam erschrickt. Luzifer kommt mit ‚dem Anderen‘ zu ihm rüber. Dieser sieht aus wie er. Ist sein Spiegelbild aus dem See zum Leben erwacht? Wie oft hatte er sich das vorgestellt. Von den berauschenden Kräutern hatte er nichts probiert. Er ist kleiner und nicht so muskulös. Schaut nett aus. Lächelt ihn unsicher an. Er wirkt schüchtern.

Unterdessen sind Big D und Gefolge an seinem ‚Lager‘. Gabriel hält ihm eine Kalebasse Honigwasser an den Mund. Oh das erfrischt, Blick und Kopf werden klarer. Der Andere reicht ihm Grapes – Weintrauben. Solche imposanten Trauben hatte er bisher nicht gesehen. Und süß sind die. Adam ist verwirrt. Hat er einen bizarren Traum? Big D meinte schmunzelnd, das wäre nun sein ‚Spielgefährte‘. Dann sind sie alle abgezischt. Is sonst nicht ihre Art. Er war allein. Na ja, nicht ganz. Der Andere war ja noch da. Also allein – mit ihm. Er stand unbeholfen eine Armlänge entfernt. Was jetzt? Big D hätte ihn ja vorstellen können. Adam fragt nach seinem Namen. Er zuckt mit den Schultern. Scheinbar hat er keinen.

Adam nennt ihn Issah, denn er ähnelt ihm.

Vor allem, weil er aus seiner Rippe entstanden war. Zumindest hatte ‚se Boss‘ ihm das erklärt. Hätte ja wenigstens fragen können, bevor er und Gabriel an seinem Superkörper rumschnippeln. War doch alles perfekt. Egal. Issah lächelt, der Name scheint ihm zu gefallen. Reden kann er offensichtlich nicht. Adam erinnert sich spärlich, als er vor vielen Jahren plötzlich da im Garten lag. Big D half ihm auf die Beine und gab ihm seinen Namen. Er nahm Issah an die Hand, um ihm die Gegend zu zeigen. Was für ein paradiesischer Tag.

Jeden Tag Spaß im Garten

Echt cool, ein richtiger Kumpel. Sie beiden waren ein Hammer-Team, hatten eine Menge Spaß miteinander. Issah lernte im Handumdrehen. Er war zwar nicht stark und schnell, allerdings konnte er mühelos die unauffälligen Pilze und Beeren entdecken. Ständig hatte er die lustigeren Ideen für Spiele und war unglaublich im Verstecken. Dafür kletterte Adam besser auf Bäume. Issah verletzte sich öfter. Er presste tapfer die Lippen zusammen, wenn ihm die Heilblätter aufgelegt wurden. Adam erzählte einen Witz, beide grinsten und lachten lauthals. Eine herrliche Zeit. Endlich jemand wie er. Der dachte, empfand und sprach wie er. Abends machten sie ab und zu heimlich unschuldige Witzchen über den alten Herren… er war unübertroffen, keine Frage, sie liebten ihn. Adam ein klein wenig mehr als sein Kumpel.

Ein herrlicher Sonnenuntergang.
Die Welt – ein Garten
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Er zeigte ihm alles. Sie aßen zusammen, lachten, badeten. Nur wenn sie, ihr … naja ihr Geschäft erledigten, ging jeder für sich allein. Klaro, Privatsphäre ist wichtig. Adam hatte seinen ‚Stammbaum‘, eine Eiche. 50 Schritte rechts hinter der gemeinsamen Schlafstelle unter der Weide. Issah in der entgegengesetzten Richtung. Einmal hatte er ihn zufällig beobachtet, auf dem Weg in die Berge. Issah hatte sich hinter einen Busch gekauert. Vielleicht, weil er kein Ding hatte. Egal. Spielt keine Rolle. Sie waren beste Freunde. Buddys für immer. Abends wenn es sich abkühlte, kuschelten sie sich unter die Blätter und schauten gemeinsam die Sterne an. Bisweilen sang Issah dann kaum vernehmbar. Wunderschön.

Langeweile im Paradies

Adam war heute zeitig munter. Eine Amsel sang unbekümmert auf ihrem Schlafbaum. Nach einem kurzen Spaziergang hatte er sich im Kishon gewaschen und auf seinen Felsen gesetzt. Sonnenaufgang beobachten, das liebte er. Violetter Himmel. Ein Fest der Farben, jedes Mal versank er in der Betrachtung. Ein paar Sommer waren vergangen. Issah war unterdessen rundlicher um die Hüften. Seine Haut war weicher. Jeden Neumond bekam er Stimmungsschwankungen. Mochte nicht reden, benahm sich seltsam, versteckte sich. So kannte Adam seinen Busenfreund nicht. „Nothing to worry about“ – würde Luzi sagen – „No Problema“. Doch auch er hatte sich verändert. Issah hatte sich letztens beim kämpeln auf der Wiese beschwert, dass er fest zufassen würde und ihm das wehtat. Etwas lag in der Luft. Es ließ sich nicht fassen. Es war ein Morgen wie die vorangegangenen. Issah hatte leckere Früchte auf ein paar Blättern ansprechend zurechtgemacht. Das hatte er drauf. Sie aßen und besprachen den Tag.

„Adaaaaam“ Issah konnte seinen Namen so herrlich lang ziehen, wenn er etwas wollte „Was machen wir heute?“

„Sag du!“, antwortete Adam, während er genussvoll ein paar Beeren in den Mund stopfte.

„Keine Ahnung, auf was hast du Lust?“ entgegnete Issah und zauberte ein paar seiner Lieblingsfrüchte hervor.

Adam machte große Augen: „Wo hast du die denn wieder aufgetrieben, die wachsen ja nicht an jedem Strauch?“ nachdenklich kauend „Mal auf was Neues…oder? Aber was?“

„Ich hätte eine Idee. Wir waren doch mit Gott neulich auf dem Felsen, ganz oben. Von dort konnten wir ‚das Tal‘ sehen. Da ganz weit hinten. Du warst mit mir noch ’nieeee‘ dort. Da soll doch ‚deeeer Baum‘ stehen. Der soll doch echt krass sein, wegen der Früchte…“

„Ne Alter, der ist tabu. Se Boss hat gesagt der is nich.“ Adam verstellt seine Stimme und wedelt mit den Händen herum. „Nur Gucken, nisch anfassen. Kapiesch. Sonst sterben.“ Beide lachen. Adam schaut gedankenversunken in die Ferne.

„Sterben? Was soll das sein?“ fragt Issah.

„So wie Schlafen ohne Träumen und ohne aufwachen —– sagt Gabriel.“

„Echt? Kann ich mir nicht vorstellen. Wobei, ‚Luzi die Leuchte‘ meinte neulich, Big D wäre in vielen Sachen einfach nur ‚oldschool‘. Manches wäre gar nicht so schlimm, wie er es uns gesagt hätte. Außerdem würden einen die Früchte des ‚Götterbaums‘ einen so ‚crazy intelligent‘ machen. Wir bräuchten dann nicht ständig unseren vielbeschäftigten CEO mit Fragen ‚inkommodieren‘, weil wir es dann endlich selber wüssten … schon irgendwie krass, oder?“

Darauf Adam: „Ja ich weiß nicht. Denkst du dass auch? Eigentlich traue ich Big D mehr als Luzi. Der is mir nicht geheuer. Ständig strahlt er einen so an, dieses Lächeln bis über beide Ohren. Keine Ahnung, es fühlt sich komisch an.“

„Aber wir können ja wenigstens mal hinwandern. Nur ein Ausflug. Nachsehen, ob es tatsächlich so toll is.“

Adam begriff, wenn Issah ihn so anguckte, war es nicht wirklich eine Frage. Er wünschte seine Zustimmung. Er ersparte sich langes Gerede… und stimmte zu. Er war ebenso voller Neugier auf den Baum. Abends sprachen sie mit ‚se boss‘ über den Tag. Das war eine nette Gewohnheit. Meist gab es irgendetwas zu lachen. Luzi war nach der letzten Vollversammlung von dem nicht-enden-wollenden Applaus überdreht gewesen, dass er sich als Schöpfer versucht hatte. Seine Kreation sah aus wie ein Biber, mit Füßen und Schnabel einer Ente. Es solle Eier legen, seine Jungen jedoch säugen. So gewaltig wie vorher der Applaus war zurzeit das Gelächter an allen Ecken und Enden. Luzi hatte sich wutentbrannt auf die Venus verzogen, seine Lieblingsschmollecke… Auch sie hatten sich köstlich amüsiert.

Adams Reise seines Lebens

Gott weihte die beiden in die bevorstehende Exkursion durchs Universum ein. Er hätte zu tun. Inventur. Sterne zählen. Der alte Herr wäre eine Weile unterwegs. Big D schickte sich an zu gehen. Adam warf Issah einen vielsagenden Blick zu und begleite ihn ein Stück. Schweigend schlenderten sie eine Weile nebeneinander. „Du hast doch was auf dem Herzen, mein Lieber“ sprach Gott das Offensichtliche an. Adam wirkte sichtlich erleichtert, die seltsame Unruhe legte sich. „Ja, ich wollte dir noch was sagen. Issah und Ich – ähhhh – wir wollen gern mal ins ‚Fruchtbare Tal‘ wandern…

… ich möchte Ihm den Baum zeigen.“

Eine kurze Stille trat ein. „Oh, das ist eine gute Idee. Lasst euch von Gabriel noch ein Kalebasse von dem Met mitgeben, das ist ein recht weiter Weg.“ Oh der Met. Den gab es ausschließlich zu besonderen Anlässen, krass. Der ‚Alte‘ ist in Ordnung, damit hätte er nicht gerechnet. Sie waren am Wagen angekommen. Zwölf weiße Stuten wieherten ein bereitwilliges Hallo, als die beiden sich näherten. Glanz umstrahlte Ihre Stirnen. Adam legte der ersten seine Hand auf den weichen Kopf. „Das ist Stella. Wenn wir gerade dabei sind …“ Der Alte hüstelte mit belegter Stimme „… wollt ihr nicht vielleicht den Wagen nehmen, dann müsst ihr nicht den ‚Wald der alten Lieder‘ durchqueren.“ Das hatte Adam nicht bedacht. Vor zahlreichen Sommern waren sie gemeinsam dort gewesenen. Ihn befiel dasselbe Unbehagen wie damals. Er erinnerte sich an das Rauschen, Pfeifen und Knistern… Hatte der Chef ihnen gerade seinen Lieblingswagen angeboten, die Staatskarosse? Ihm war schwindelig… „Nein Danke … wir … wir wollen wandern und uns an der Schönheit deiner Welt erfreuen.“

„Deiner Welt“ sagte der Alte „Deiner Welt. Ich hab sie dir geschenkt. Erinnerst du dich nicht mehr?“

„Doch, doch“ versicherte Adam ihm schnell. Ja meine Welt, unsere Welt, er war nicht mehr der Einzige. Issah ist sein Freund. Sie gehörte Ihnen beiden. Gott streckte seine Arme aus. Das war lange nicht geschehen. „Wir werden uns eine ganze Weile nicht sehen, wenn ich auf meiner Reise bin“. Ein halber Mond erinnerte sich Adam und ließ die Umarmung zu. Es fühlte sich an, als ob man Einer sei, nicht Zwei. Unbeschreiblich. Wie hatte er das vermisst, das empfand er in diesem Moment der Ewigkeit. Etwas Feuchtes an seinem Ohr. Ehe er wusste, wie ihm geschah, stand er allein auf der weiten Wiese. Winkte der funkelnden Wolke des Wagens hinterher, welche er als Halbwüchsiger besonders geliebt hatte. Ein seltsamer Druck lag auf seiner Brust. Langsam bummelte er zum Lager zurück. Ein paar Rehe hatten es sich neben ihrem Schlafbaum bequem gemacht, er nahm sie nicht wahr. Issah hatte sich unterdessen zu Ruhe gelegt und lächelte im Schlaf. Er kroch leise daneben und schaute lange in den sternenübersähten Nachthimmel …

Wassertropfen weckten ihn, die Sonne war eine Handbreit auf ihrem Tagesweg. Issahs grinsendes Gesicht über ihm. Hatte er ihn in der Tat mit Wasser von den Blättern bespritzt?

Immer am Kishon entlang. Drei Tage bis zur Quelle, wenn sie die Abkürzung nahmen. Der ‚Wald der alten Lieder‘ hatte seine Unheimlichkeit verloren. Im Gegenteil, es war ein reizvoller Weg zwischen den Bäumen. Sonnenstrahlen, auf weichem Moos. An den Sträuchern und Bäumen hingen köstliche Früchte, nach denen man nur die Hand auszustrecken brauchte, ohne auch nur den Weg zu verlassen. Am Himmel standen Wolkenhäufchen in den unterschiedlichsten Rottönen, als sie den Eingang zum Tal erreichten.

Eine blühende Wiese am Fuße eines Baumes.
Der Baum der Götter
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Der ‚sagenumwobene‘ Götterbaum. Da stand er, auf einer Anhöhe inmitten eines grünenden Tales, dass übersät war von Blumen in den leuchtendsten Farben. Der dünner werdende Faden des Kishon zog sich bis zu seinem Fuße hin. Vollkommen überwältigt bestaunte er diese Schönheit, dieses überbordende Grünen und Blühen. Ein Schwarm Vögel stieg auf, als Issah lachend seine Hand fasste. „Los komm du Träumer, du bist komisch. Wir sind da…“

Eine Nacht am Götterbaum

Die Dämmerung hatte sich auf das Tal gelegt. Der Mond war in den letzten Nächten beständig stärker geworden. Heute würde er seine volle Gestalt erhalten. Windstille. Die Wärme des Tages lag über dem Garten Gottes. Betörende Düfte von Blüten und Früchten. Der Gesang einer Nachtigall schwebte durch die heraufziehende Nacht. Grillen zirpten, der Kishon plätscherte kaum merklich. Sie hatten ihr Ziel erreicht. Adams Füße waren schwer. Es setzte sich an den Stamm des Baumes. Eine merkwürdige Kraft schien von ihm auszugehen. Gott hatte oft von der Schönheit dieses Gartens berichtet. Er hatte sich ausgemalt, wie es sein würde. Dieser geheime Ort übertraf seine gesamte Vorstellung.

Abenddämmerung am Götterbaum
Eine Nacht die alles veränderte
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Issah stand vor ihm, das weiche Licht des aufgehenden Mondes umspielte seine schlanke Statur. Adam war sonderbar zumute. Die Kalebasse mit dem Met. Gabriel hatte sie Issah unter vielsagenden Blicken mit einer Liane um die Hüften gebunden… Sie tranken davon, seine Hand berührte die Hüfte… Die Kalebasse war leer, beide lachten und spielten verstecken. Issah meinte, er müsste auf den Baum klettern, um Adam zu entgehen. Dieser schüttelte kräftig an den Zweigen. Es knackte, Issah quiekte wie eins der Schweinchen, wenn sie ihre Mutter verloren hatten, und fiel ihm in die Arme. Beide plumpsten zu Boden. Er setzte sich auf und spürte einen Schlag an seiner Stirn… eine Frucht rollte in Issahs Schoß. Etwas geschah. Dieser nahm sie in die Hand … und biss hinein. Saft tropfte von seinem Kinn auf sein Knie… Issah hielt sie ihm hin, sie dufte köstlich… er aß ebenfalls…

„Ihr werdet sein wie Gott…“

… hallte in einem entfernten Universum durch Adams Kopf.

Er fiel… in eine unsäglich schwarze Finsternis. Im nächsten Moment entfaltete eine Supernova ihre Schönheit vor seinem inneren Auge. Die Sonne, der Mond, der Morgenstern und weitere Galaxien entstanden … ein Licht, blendend heißes Licht. Er meinte ein Donnern zu hören. Blitze, ein Drehen. Steine, die einen Berg herunterrollten und eine Lawine auslösten. Explosionen, Feuer, er sah winzige Tierchen im Wasser. Fische, Alligatoren, geharnischte gewaltige Monster. All das und mehr in einem Augenaufschlag…

….

Ein Foto des Sternenhimmels.
Ein Universum wird geboren
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….

Bewegung. Langsam, flüsternd, stetig. Unmerklich, wie der Regen, wenn er auf das Blätterdach ihres Schlafbaums tropfte. Als ob seine Welt ihren eigenen Herzschlag erlangt hätte.

Seine Augen… sie brannten und tränten. Es war, als ob das Universum mit seinen Sternen sich um ihn drehte. Er sah zu Issah, wollte mit ihm sprechen. Die Worte blieben ihm im Halse stecken. Er war verwirrt. Er kniete neben ihm und sah ihn mit geweiteten Augen an. Ein Anflug Überraschung lag in seinem Blick, es ließ sich nicht erklären.

Er sah verändert aus. Makellos, reizvoller und … nackt …

… dieser Gedanke kam ihm in den Sinn. Nackt. Nie zuvor hatte er es verwendet. Was bedeutete es? Verletzlich, schutzlos… er gewahrte ein hingezogen sein, andersartig als bisher. Sein Herz schlug rascher. Er … war ebenso nackt … und durcheinander. Das war ihm nie aufgefallen. Issah hielt seine Rechte vor seine Körpermitte und sein linker Arm fasste zu seiner anderen Schulter. Als ob er zwei von den saftigen Früchten darunter festhielt, von denen sie erst gekostet hatten. Adam war aufgeregt. Er erlebte eine seltsame Kraft, ein Taumel, einen Rausch… ein Nebel lichtete sich. Er hatte ihnen zugesehen, den Löwen, Rehen, Elefanten. Er hatte auf seinem Stein gesessen, ins Land hinausgeblickt. Wie die Sonne am Abend mit der Erde brennend verschmolz, in gleicher Weise fanden sich ihre Lippen und Körper.

Ein Schwanenpaar
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Issahs Kopf ruhte auf seiner Brust. Er war eine Sie, eine Ergänzung. DIE Vervollständigung. Wie all die Tiere hatte er sein zweites Ich entdeckt. Sie hatten erst vom Baum essen müssen, um sich zu erkennen. Nicht nur ihre Leiber hatten sich gefunden. Etwas Größeres war geschehen. Ihr Innerstes hatte sich verbunden, wie früher mit Big D. Ihn sah er in diesem Augenblick verändert, als ein Gegenüber. Ein getrenntes. Kein übergroßer Vater mehr, ein Ebenbild. Im wegdämmern sah er sein sanftmütiges Gesicht …

Ein neuer Tag bricht an

Der Morgentau hatte sie bedeckt. Adam blinzelte, die Sonne war am Aufgehen. Nebel lagen über dem Bächlein. Die Vögel, das Land erwachte. Sein Arm war taub, er hatte ihn unter Issah gelegt. Sachte zieht er ihn hervor. Er schaut Issah an, sie. Hinreißend sieht sie aus. Behutsam berührt er ihr Haar. Warum hatte er das nie bemerkt? Er empfand sich als vollendet. Kein Suchen mehr. Er wollte ihr eine Freude bereiten und ein paar Früchte sammeln für das gemeinsame Morgenmahl. Sein Rücken und seine Arme schmerzten. Er schmunzelte, so ist das also. Das würde er Big D erzählen und sie würden lachen… oder. Nein das is nichts für Big D. Das war eigens für sie, sie beide. Würde er das gutheißen? Gewiss.

Ein Paar am Fuße eines Baumes.
Am Fuße dieses Baumes liebte ich dich
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Mit Blättern voller Beeren kehrte er zu ‚ihrem‘ Baum zurück. Issah wusch sich soeben an der Quelle. Sie bewegte sich unbeholfen. „Alles in Ordnung?“ – „Ja, Adam“ sie strahlte ihn an. Diese Tiefe und dieses Feuer in ihren Augen, er verlor sich darin… die Früchte purzelten zu Boden. Wieder berührten sich Ihre Lippen, von selbst. Sie umschlangen sich und ihre Körper fanden sich abermals. Sie schwitzen und lachten und ließen sich durchs weiche Gras den Hügel hinunterkullern… Sie hatten beide Appetit. Issah hatte rote Pünktchen am Rücken, das waren die Morgenbeeren. Adam schüttelt den Ast, von dem ihm am Vorabend Issah in den Arm gefallen war. Die Früchte waren betörend und saftig… warum sollte es verboten sein vom ‚Götterbaum‘ zu essen?

Die Tage flossen dahin. Achtmal hatte die Sonne ihre Bahn gezogen. Der Mond begann wieder schmaler zu werden. Sie hatten das Tal erkundet, von all den vorzüglichen Beeren und Knollen gegessen. Und vom Götterbaum. Hatten das zueinander hingezogen sein genossen, das verschmelzen und trotz alledem war eine Traurigkeit in ihr Leben gekommen. Es ließ sich nicht benennen. ‚Verloren‘ kam ihm in den Sinn. Es pikte in seiner Körpermitte wie die Stacheln des Stachelschweins. Was war das?

‚Zeit‘ sich auf den Weg machen. Schon wieder ein Stachelschweindings. Nach Hause zu ihrem Schlafbaum. Aber war nicht jetzt dieser ‚Ihr‘ Schlafbaum? Alles hatte sich verändert.

Mit einem Mal war es Nachts finster und Tags hell.

In der Früh war es kühl und nachmittags heiß. Die Rose war gut, ihre Dornen schlecht. Diese Früchte waren süß, jene bitter. Es gab Pflanzen, die man essen konnte, andere waren giftig. ‚UN‘-Kraut. Ohne Übergang gab es ein Gestern, das vergangen war und ein Morgen das erst kommen würde und ein angebunden sein dazwischen. Beides zerrte an einem. Just in diesem Moment verstand Adam, was mit sterben gemeint war. Keine ewige Gegenwart, kein All-Eins-Sein mehr. Jeder war und blieb für sich, gleichermaßen wenn sie zusammen waren. Ängste, Einsamkeit. Ungeachtet dessen Hoffnung, hingezogen sein mit Schmerz. Begehren …

In seinem Inneren begann es zu kochen, wie in dem Feuerberg, den er gesehen hatte. Als ob er er platzen würde, wie eine reife Kastanie. Worte strömten aus seinem Mund. Worte für Luzi. Hinterhältig. Verlogen, unehrlich, durchtrieben, hinterhältig, listig, unredlich, diabolisch. BÖSE! Er erinnerte sich daran, wie er am Vortag von den schwarzen Beeren gekostet hatte. Auf der Zunge hatten sie gebrannt. Alles, was er vorher gegessen hatte, kam aus seinem Mund geschossen. Es war abscheulich gewesen. Verräter …

Heimkehr

Auf der Anhöhe blieben sie stehen und schauten auf ihr Tal zurück. Issah legte ihre Hand in die seine und lehnte sich an seine Seite. Der Wald hatte aufgehört zu singen. Dafür sang es in ihnen immerfort, wenn sich ihre Blicke begegneten.

Nicht mehr weit bis zum Schlafbaum. Sobald die schmale Sichel des Mondes erscheinen würde, wären sie da. Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich Adams. Wie würde es sein, wenn sie Gott trafen oder Gabriel. Sie würden ihn sehen. Nackt. Das war ihm… peinlich. Wieder ein neues Wort. Er mochte nicht gesehen werden, nicht so. Issah kam mit leckeren Feigen, munterte ihn auf. Ahh, der Feigenbaum. Er riss einige Blätter ab. Das tat ihm leid. Mit einer Liane banden sie diese um ihre Hüften.

Begegnung

Sie erreichten ihren alten Schlafbaum eher als erwartet. Es kam ihm alles verändert vor. Gott stand an dem Aussichtsstein und sprach mit Gabriel. Die Stuten waren ausgespannt und grasten. Stella hob den Kopf und wieherte vergnügt. Scheinbar war der Chef gerade eben von seiner Inventur zurückgekehrt. Adam wollte zu ihm rennen, wie ‚in jenen Tagen‘ – ahh, ein Stachelschweindings. Er durfte nicht zu rasch laufen, sonst würde er die Blätter ‚verlieren‘. Er blieb hinter dem Baum stehen.

„Adam wo bist du?“

Das hatte er früher beim Versteckspiel gerufen, obwohl er es haargenau wusste. Big D hatte ihn entdeckt und winke ihm gut gelaunt. „Komm nicht her. Etwas ist… es ist… etwas passiert.“ antwortete er ihm.

„Wollen wir unseren Abendspaziergang machen, heute nur mal wir zwei?“

„Ja klar“ bemerkte Adam tonlos. Gott erzählte von all den eindrucksvollen Sonnen und Planeten, die er auf seiner Reise gezählt hatte. Dreiundzwanzig Zilliarden oder irgendetwas in der Art. Er schmunzelte über die Begeisterung des alten Herrn. Das war wohltuend. Wie Füße in den Kishon halten, nachdem er den ganzen Tag herumgerannt war …

„… dann hab ich auf dem Rückweg einen Abstecher auf den Mars gemacht. Das hättest du sehen sollen Adam, da hat es mächtig gestürmt… Und wie war es bei euch so? Warum habt Ihr euch versteckt?“ Eine Pause war entsandten, Adam hatte nicht gleich gemerkt, dass er angesprochen wurde. „Ja eigentlich…“ Was war eigentlich? „Ja ich… wir…ähh… wir waren nackt….“ Er schluckte und erzählte von Ihrer Reise. Ein paar Sachen deutete er nur an. Gott hob kurz die Augenbrauen. Ab und zu gab es ein „Aha“ oder „Oh“, „Okay“… sie waren stehen geblieben „… und dann waren wir wieder bei dir Vater, zu Hause.“ Er schaute Big D an. Dessen Augen glänzten seltsam, die ganze Nacht war darin versammelt, Feuer und Wasser und alle Kräfte der Natur.

„Adam mein Lieber, ich bin jetzt nicht mehr dein Vater. Und dies ist auch nicht mehr dein zu Hause.“

Er erschrak. Hitze floss durch seine Beine. Er zitterte. Gott nahm seine beiden Hände. „Eine neue Zeit hat begonnen. Etwas noch nie dagewesenes. Du hast deinen eigenen Weg eingeschlagen. Issah wird dich begleiten. Ihr seid Mann und Frau geworden. Ich freue mich für dich. Du bist erwachsen. Der paradiesische Garten deiner Kindheit hat sich damit für immer geschlossen. Ich kann dich nicht mehr hineinlassen. Gabriel wird seinen Eingang von nun an bewachen. Ihr werdet euch morgen ein neues zu Hause, eine neue Heimat suchen. Von da aus werdet ihr die Welt bevölkern.“ Adam sah erstmals nicht zu Gott auf. Er sah ihm gerade und fest in die Augen. „Ja Gott, so wird es sein“. Dieses eine Mal war er es, der Big D umarmte. Eine Zeitlang blieben sie noch so.

Abschied und Neubeginn

Alle Engel waren am Ausgang des Gartens versammelt. Gott hatte ihnen am Morgen Dinge gebracht, die er Pelze nannte. Sie bedecken Ihre Nacktheit. Sie standen vor dem Durchgang. Gabriel hatte Issah Blumen ins Haar geflochten. Er hatte von Gott einen langen Stab aus frischem Holz erhalten. Er war aus dem ‚Götterbaum‘ geschnitzt. Michael hatte ihnen ein Fell gebracht, mit einer Öffnung darin. Er hing es über seine Schulter. Einzig Luzifer war nicht erschienen. In einem Wutanfall hatte er den Götterbaum zerschmettert. Ungeachtet dessen hatte er ihnen ein Gefäß bringen lassen, gefüllt mit goldenem Licht.

The dark hedges
Die Zukunft wartet auf dich…
Image by jplenio from Pixabay

Der alte Herr legte seine Hände auf ihre Köpfe und gab ihnen seinen Segen. Er sprach vom Boden, von Schweiß und Arbeit, von Freude und Fruchtbarkeit, von Kindern. Issah wurde ein neuer Name gegeben. ‚Mutter der Menschheit‘ – Eva. Sein Gesicht leuchtete in einer Art, wie es ihm vorher nie aufgefallen war. Sie drehten sich um und gingen. Eine einmalige Stille lag über dem ganzen Land. Kein Tier. Kein Blatt war zu hören. Selbst der Kishon hatte aufgehört zu rauschen. Im Durchgang blieben sie stehen und schauten kurz zurück. All die Engel hatten sich hingekniet. Ein unerträgliches Licht breitete sich von der Stelle aus, an der sein Gott gestanden hatte. Wie Feuer… Er kniff die Augen zusammen.

„Ich bin, der ich bin und ich werde sein der ich sein werde. Früchte dich nicht, ich bin mit dir“

… hallte ihnen hinterher …

Sie liefen los, grün umfing sie von allen Seiten. Ein Bächlein rauschte. Sie folgten dem Lauf bis zum Abend. Als sie verschnauften, öffnete Eva die Schale. Ein himmlischer Duft strömte heraus. Fröhlichkeit erfüllte sie beide. Eva begann zu summen. Bald entstand daraus ein Lied. Glockenhell und silbern wie Luzi einst gesungen hatte. Ein Schlafbaum hatte sich gefunden. Vor ihnen lag das weite Land, über ihnen der sternenklare Himmel. Eva und er hatten sich in das weiche Moos gekuschelt. Ihre Wärme und ihr Herzschlag schenkte ihm Zuversicht. Ihr neues Leben begann in diesem Moment. Sie würden es schaffen.

Früchte von ‚Ihrem‘ Götterbaum hatte er in der Öffnung entdeckt. Er würde die Samen pflanzen.

Rinden-Herz im Baum.

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