Raum für Zweifel – meint zu Leben

Lesezeit ca.: 6 Minuten

Ich bin unter Menschen mit großem spirituellen Hunger. Ich komme mir gerade vor wie Neo: „WHAT is the MATRIX?“ Was ist das für eine Welt, in der ich lebe? Ist dies die Matrix, die Fiktion oder Jenes? Ich hänge zwischen den Welten, wie Thomas. Ich habe Fragen, Zweifel. An allem…

Bronze-Statue eines Denkers
„Ich zweifle, also bin ich“ – Image by photosforyou from Pixabay

Was soll das für eine Person, ein Gott sein, über den ich jede Frage beantworten kann. Wenn Gott kein Mysterium ist, kein großes Unbekanntes, dann ist er nicht Gott. Was ist das für ein Gott, den ich durch Nachdenken oder Wissenschaft erklären kann? Das ist kein Gott. Wenn ein Gott existiert und dieser Gott die von uns zugeschriebenen Wesenszüge tatsächlich besitzt (Omnipotent, Omnipräsent, Omni…) dann wäre es gotteslästerlich zu behaupten: „Ich kenne Gott, ich weiß wie das geht, was er will und was du tun sollst …“

Glaube – dir selbst!

Jesus ermutigte Thomas: Sei gläubig. Vertraue. Vertraue dir selbst, deinem Urteil, deiner Wahrnehmung und Erfahrung. Er war nicht der UNGLÄUBIGE Thomas. Er war gläubig, er hatte Fragen, Zweifel. Thomas ist der Einzige, der bereitwillig mit Jesus zurück nach Judäa zu gehen will, um seinen Glauben zu erfahren. Selbst auf die Gefahr, hin gesteinigt zu werden. Wir brauchen die Selbsterfahrung. Wir können nicht vom Glauben der Anderen leben. Glauben ist kein – vermitteltes – Wissen. Tiefer Glauben – Vertrauen – speist sich immer aus persönlicher Erfahrung, durchleben, kosten, schmecken, sehen.

„Komm und sieh“

… sagte Jesus. Komm erlebe es selber, statt dich nach dem zu richten, was die anderen sagen. Jesus verurteilt ihn nicht für seine Fragen und Zweifel. „Komm fühle meine Wunden, erlebe es selbst und (dann) vertraue …“ Thomas ist der Erste, der beim Passahmahl nachfragt: „Herr wohin gehst du?“ Thomas will es wissen. Er lässt sich nicht abspeisen.

Glaube kann als gewiss, treu, zuverlässig, loyal übersetzt werden. Wir brauchen die sinnliche Wahrnehmung*, um zu glauben, zu vertrauen. Unser Glaube ist ursprünglich eine Erfahrungsreligion, wir haben eine Buchreligion daraus gemacht.

*) Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Unglaube

Zweifel, die erste Bürgerpflicht

Schopenhauer* nannte es die erste Pflicht des Philosophen: Alles Gegebene anzuzweifeln. Vielleicht sollten wir ab und zu auch mal den Zweifel anzweifeln?

Warum gehen Menschen in Kirchen, Moscheen, Synagogen? Sie suchen Sicherheit, Stabilität. Ja diese Institutionen erfüllen uns diesen Wunsch. „Tu das und du kommst in den Himmel! Lasse jenes, das bewahrt dich von der Hölle!“ Hat Jesus je von der Hölle gesprochen? Dieses Konzept entsandt erst im Mittelalter, soweit ich weiß.

Das Leben des Suchenden, des spirituellen Menschen ist eine Unsicheres. Nichts ist gegeben. Wir stehen auf und stellen uns unter der Dusche. Wir denken gar nicht darüber nach, dass kein Wasser aus der Brause kommen könnte. Es ist normal, dass die Kaffeemaschine ihren Dienst tut, weil Strom aus der Steckdose kommt. Für uns ist es alltäglich, dass wir im Laden essen kaufen können und abends gesund nach Hause kommen. Nichts ist selbstverständlich! Alles ein Geschenk. Das erkennt der Zweifler, der Selbstdenker und der Frager. Es sind jahrtausendealte Paradigmen, welche uns liebevolle, ehrliche, bemühte Frauen und Männer von den Kanzeln aus den heiligen Büchern vorlesen und erklären.

*) Bin mir da nicht ganz sicher. Leider weiß ich das Buch nicht mehr in dem ich da gelesen habe. Sorry

Selber denken

Wer selber denkt, wird unsicher, durchlebt die dunkle Nacht der Seele. Wer fragt, wer Denkverbote anrührt und über seine Zweifel sprechen will, wird seltsam angesehen, wer eigene Wege geht wird einsam. Verliert die selbstbestätigende Wärme und Sicherheit der Gruppe, der Herde. Ist ein schwarzes Schaf. Er mag die versprochene Sicherheit, die Heilsgewissheit nicht haben, doch er erlangt Frieden, Dankbarkeit, jeden Tag. Wie legte schon Goethe den Engeln im Faust in den Mund:

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“

Goethe – Faust 2. Teil

Erlösung durch Zweifel?

Nur der Zweifler findet Erlösung, weil er jeden Tag aufs neue mit sich ringt, mit Gott, dem Leben. Weil er sich wagt, sich selbst infrage zu stellen. Und Gott immer wieder neu zu entdecken, das große ICH BIN. Nichts sonst. Ihn Gott, im Anderen, in sich selbst zu entdecken. „Sucht mich, so werdet ihr Leben.“ Sagte Jesus. Das tut der Zweifler, Denker und Frager. Nur wenn ich dem Zweifel Raum gebe, ihn hinterfrage, kann ich ihn eventuell auflösen, eine Antwort für mich finden.

„Ich zweifle, also bin ich.“

Frei nach Descartes

Der Finder hat sich zur Ruhe gesetzt. Er ist tot. Er lebt vom Gestern. Seinem eigenen und noch viel mehr vom Gestern vieler Anderer. Die auch mal Zweifler waren, Ausgestoßene, Sonderlinge, Belachte, Verfolgte, Häretiker, Verurteilte. Aufrechte Männer und Frauen. Wir wollen frei sein von Zweifeln, von Schatten. Und doch macht gerade der Schatten uns zum Menschen. Die Dunkelheit, geliebt, erkannt umarmt, macht sie uns weich, demütig, wissend das ich die anderen brauche. Der Heilige braucht nur sich selbst und verurteilt den Sünder, die Sünde und damit sich selbst.

Adam und die Emanzipation

Der Mensch musste vom Baum essen, als er sich erhob aus seiner tierischen Unwissenheit. Aus dem Einssein mit allem, der Natur, mit Gott, dem Universum. Um sich zu emanzipieren. Sonst wären wir nie das Ebenbild des Göttlichen geworden. Willst du, dass deine Kinder immer klein und bedürftig bleiben? Unmündig, hilfsbedürftig, unwissend? Es war die Geburt des Individuums. Des Abgetrennten, des Selbst. Die Geburt des Menschen. Der Bewusstheit, des schöpferischen Geistes. Der Fähigkeit zu Gutem und zu Bösem, sich bewusst zu entscheiden. Das war nicht die Sünde. Sünde war es, es zu leugnen. Sünde ist es jetzt unsere Göttlichkeit zu leugnen. Die Sünde gegen den Heiligen Geist? Die nicht vergeben werden kann? Auf das Jenseits zu warten. Das Geschenk des Lebens, des Momentes nicht zu nehmen. Nicht Gott verurteilte Adam und Eva. Sie selbst taten es. Indem sie sich versteckten, bedeckten, sich rechtfertigten, Schuldzuweisungen verteilten. Das ist die Erbsünde – SELBSTVERURTEILUNG.

Wage das Unmögliche – folge dem Zweifel

Voller Zweifel, Ungewissheit und Sehnsucht dem kleinen Funken in unserem Herzen zu folgen. Und aus voller Seele zu leben, lieben, zu fallen, um wieder aufzustehen, zu vergeben, anzunehmen was ist. Das Unmögliche zu wagen, so wie Kolumbus und dabei neues Land zu entdecken. Erst die Unvollkommenheit macht uns vollkommen zum Menschen. Erst die Neugier, die Angst vorm ungewissen Ausgang unserer Reise, die Lebensgefahr macht unser Leben zu einem täglichen Abenteuer. Nicht zu wissen, wohin uns die Winde des Lebens treiben. Im Herzen Vertrauen und die Zuversicht, dass es das Universum gut mit uns meint.

Im Zweifel für den Angeklagten

Wer nicht fordert – wer das Leben nicht herausfordert, wird nicht die Fülle des wilden Auf und Ab „erfahren“. Die Freude und die Hoffnung, die Verzweiflung und die Ängste, welche unserem Leben erst Tiefe, Kontrast verleihen. Nur im Wechsel von Licht und Schatten entsteht das gewaltige Gemälde des Seins. Schau in die Sonne und du wirst in diesem reinen Licht erblinden. Geh in die dunkelste Höhle und du wirst den Weg verlieren. Doch entzünde nur dein winziges, kleines, ängstlich flackerndes Licht und stelle es oben auf den Leuchter, dann wird es dir uns vielen anderen im Hause leuchten.

„Erst im Risiko des Scheiterns spüren wir das Leben in seiner Fülle“

Henryk Hauptmann

Fordere Gott, das Universum heraus, so wie Jakob es tat. Kämpfe, ringe die ganze Nacht, gib keine Ruhe, dann wird auch für dich ein Morgen dämmern. Ein Erwachen, ein Erkennen, ein Leben.

Zurück zur Unschuld

Wir wollen zurück zur kindlichen Unschuld Adams vor seinem Griff zur Frucht des Wissens. Zum Einsein mit Allem, zur Liebe, zum Verbundensein. Wie wir es in unserer Mütter Schoß erlebten. Doch ein Mensch kann nicht in den Schoß zurückkehren der Ihn gebar, das ist der falsche Weg. Nach vorn, weiter, zur Einheit mit Gott. Indem wir die Macht des Egos erkennen und loslassen. So wie Jesus es uns vorlebte im Garten Eden. Es war kein Kampf mit Gott. Es war der Kampf mit dem Gott in ihm, seinem Ego. Er besiegt es, er gab sich vollkommen hin. Dem Moment dem Leben, der göttliche Weisheit. Darin ist uns Jesus zum Erlöser geworden. Ein Ende von Ursache und Wirkung. Ein großes Stopp. Ein Ausstieg aus dem Teufelskreis, dem Rattenrennen. Im Loslassen des Egos erreichen wir den Himmel mitten unter uns. Das Reich Gottes ist zu euch gekommen. Das ist gemeint:

Gibt es ein Ich, gibt es einen Gegner. Gibt es einen Gegner, gibt es Krieg!

„Die Kunst zu siegen, ohne zu kämpfen“ – Pascal Faultiot

Das ist der Himmel, von dem Jesus sprach. Das ist die Ewigkeit. Von Präsens zu Präsens. Ewiges Jetzt. Das ungezügelte Ego bringt die Hölle hervor, das bedarf wohl keines Beweises.

Fröhliches Anzweifeln
Euer Henryk

Buchtipp:

Günstig bei Medimops: https://www.medimops.de/osho-mut-lebe-wild-und-gefaehrlich-taschenbuch-M03548741134.html

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