Warum wir uns vor dem Sterben fürchten

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Tod, Sterben, Lebensende – darüber denken die Menschen bei uns nicht gern nach. Und aus Angst wird noch viel weniger darüber gesprochen. Und damit meine ich nicht nur den Bereich: Testament, Beerdigungsfeier, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung… sondern unser eigenes Lebensende als ganz persönliche Erfahrung.

Alte Grabsteine
Der Tod – eine Tür / Image by IdaT from Pixabay

Das Sterben sollte nichts sein, vor dem du dich fürchten müsstest. Keiner wünscht sich ein schmerzvolles, langwieriges „Abnippeln“, einen schlimmen Unfall oder gewaltsames aus dem Leben scheiden. In meinem Bekanntenkreis gab es einen aktiven, geistreichen Mann von 92 Jahren. Der hatte viel erlebt. Ich bin froh in noch einmal getroffen zu haben. Bei der Gelegenheit hat er uns andeutungsweise von seinen Abenteuern berichtet. Er hatte nach dem Krieg für die Amerikaner gearbeitet. Später erfuhr ich wie er starb.

Er unterhielt sich mit seiner Frau in der Küche über die Urlaubsziele des nächsten Jahres. Dann meinte er: „Ich bin müde, ich setzt mich in der Wohnstube in den Sessel…“. Als seine Frau später nach ihm schaute, war er friedlich eingeschlafen. So ähnlich wünsch ich mir mein Abschied hier auf diesem Planeten auch.

Wovor fürchten wir uns dann?

Davor nicht gelebt zu haben. Wenn wir uns der eigenen Endlichkeit bewusst sind, dann kann dies ein starker Katalysator für unser Leben sein. Denn alles was wir tun hat eine Bedeutung – Everything matters – ich denke dabei an dem Film „In Time“. Dort sagt die junge Frau Sylvia zu ihrem Gegenüber Will:

S: Was tun sie so Will?
W: Das weiß ich noch nicht so genau.
S: Ja warum darüber nachdenken, wozu die Eile?
W: Genau, warum heute tun, was man in hundert Jahren tun kann.
S: Wir alle können ewig leben, solange wir nichts Dummes tun. Macht Ihnen das keine Angst? Dass sie vielleicht nie etwas Dummes tun werden oder… etwas das mutig oder etwas wert ist?

W: Du kannst wieder zurück.
S: Zurück zu was? Versuche nicht aus Versehen zu sterben, soll das mein ganzer Lebensinhalt sein?

S: Wir sind nicht dafür gemacht so zu leben, wir sind nicht gemacht für die Ewigkeit. Und ich frag mich sowieso Vater, ob du je auch nur einen Tag gelebt hast.

Film „In Time“

Auch Steve Jobs, der Apple Gründer, fällt mir ein. Nachdem er eine schwere Krebskrankheit überwunden hatte, hielt er eine bewegende Rede zur Abschlussfeier an der Stanfort Universität. Er sprach darüber, wie sehr der nahende Tod seither sein Leben beflügelt.

Die Erinnerung, dass ich bald tot sein könnte, ist das stärkste Mittel, das mir half, große Entscheidungen in meinem Leben zu treffen. Weil fast alles – fremde Erwartungen, der ganze Stolz, jede Angst vor Verlegenheit oder Scheitern – all das verschwindet einfach im Angesicht des Todes und lässt nur übrig, was tatsächlich wichtig ist. Die Erinnerung daran, dass man sterben wird, ist der beste Weg, den ich kenne, um der Vorstellung zu entgehen, dass man etwas zu verlieren hat. Man ist absolut nackt. Man hat keinen Grund, nicht seinem Herzen zu folgen. Alles hat Wirkung

Steve Jobs – 12. Juni 2005 – Stanfort Universität – Unbedingt komplett lesen!

Make it count – mach das Beste daraus

Oft haben wir das Gefühl klein und unbedeutend zu sein. Und das es total egal ist, ob oder was wir tun. Das Gegenteil ist der Fall. Alles zu dem wir uns entscheiden, was wir unterlassen oder dulden entfaltet eine Wirkung auf diesem Planeten. Jede einzelne Kleinigkeit (Der Schmetterlingseffekt). Nur das wir uns dessen kaum bewusst sind. Passende spannende Filme zu dem Thema sind u.a. „Wolkenatlas“, „Lola rennt“ und „Zurück in die Zukunft“.

Zu Sein heißt, wahrgenommen zu werden,
und nur durch die Augen eines andern,
ist es uns möglich, uns selbst zu erkennen.

Das Wesen unseres unsterblichen Lebens,
liegt in den Konsequenzen unserer Worte und Taten,
die uns überdauern und sich fortsetzen,
bis ans Ende unserer Zeit.

Unsere Leben gehören nicht uns.
Von der Wiege bis zur Bare,
sind wir mit anderen verbunden.

In Vergangenheit und Gegenwart.
Und mit jedem Verbrechen und mit jedem Akt der Güte
erschaffen wir unsere Zukunft.

Offenbarung der Somni451 – Film/Buch: Wolkenatlas

Jede Entscheidung, jeder Kampf, jedes Risiko, jeder „scheinbare“ Verlust, jedes sich Überwinden bringt Gutes hervor. Auch wenn du es selbst nicht (mehr) erlebst. Vertraue Gott, dem Leben, der Weisheit des Universums. Ich probiere das aus und erlebe täglich wie ich in vielen kleinen und großen Dingen beschenkt werde. Wie genau die „richtigen“ Dinge zur richtigen Zeit geschehen, ohne das ich mich anstrengen müsste. Ich rede hier nicht vom Schlaraffenland, wo du faul rumliegst und dir das Essen in den Mund fliegt. Es geht um eine aktives, entspannt erwartungsvolles „auf dem Weg sein“. Als Jesus die zehn Aussätzigen heilte, steht dort: „Indem sie gingen, wurden sie gesund…“ Losgehen, Anfangen im Vertrauen (Glauben), dass das bestmöglich Mögliche geschieht.

Lasse dich darauf ein, nicht zu wissen was kommt, dann geschieht, was geschehen soll.

Yogi Holger Lieberenz – ramadhuta

Gründe für unsere Angst

Wir fürchten uns vor dem Sterben, weil wir uns sonst jeden Tag fragen müssten: Will ich heute so leben? Die Buddhisten haben dafür eine tolle tägliche Übung.

Stell dir vor auf deiner Schulter säße ein Vogel und du könntest ihn fragen, ob dies das Leben ist, welches du führen möchtest.

Buddhistische Übung

Dann müsste ich in einigen Bereichen meines Lebens, in denen ich unzufrieden bin, Dinge ändern. Gespräche führen, mich entschuldigen, meine Liebe gestehen, Freunde besuchen, mich fortbilden, um den gewünschten Job bewerben, Kündigen, umziehen, Sprachen lernen, Sport treiben, regelmäßig was für meine Gesundheit tun, mit der einen oder anderen Süchtelei aufhören, Ziele suchen und formulieren, beginnen Dinge zu tun und mich von dem einen oder anderen Menschen, der mir nicht guttut, trennen…

Das was dir wichtig ist, und was du unbedingt tun willst das tust du schon!

Triff eine Entscheidung und es ist getan.

Buddhistische Weisheit

Wir haben Angst in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, vergessen zu werden. Wir Menschen möchten wichtig sein. Wünschen uns ein Denkmal. Deshalb schreiben wir Bücher, drehen Filme, machen spektakuläre Dinge, Dummheiten oder Gewalttaten. Für unsere 15 Minuten Ruhm.

E: Ich fürchte weder Tod noch Schmerz.

A: Was fürchtet ihr dann Herrin?

E: Einen Käfig. Hinter Gittern zu bleiben bis Gewohnheit und hohes Alter sich damit abfinden und alle Aussichten große Taten zu vollbringen unwiderruflich dahin sind.

Der Herr der Ringe – Die zwei Türme / Eowyn und Aragon

Deshalb schreibe ich diesen Blog. Dass die vielen tollen Dinge die ich las und die (hoffentlich) tollen Gedanken die ich denke, nicht verloren gehen. Vielleicht nützt es noch jemand anderem.

Hat unser Leben einen Sinn?

Wir Menschen suchen nach einem höheren Sinn unseres eigenen Lebens. Einer „Berufung“. Es gibt philosophische Strömungen, die meinen, dies sei alles Quatsch. Es gäbe keine übergeordnete, uns persönlich zugewiesene Bedeutung. Dieser nutzlose Wunsch entspränge nur unserer eigenen Unsicherheit. Andere wiederum sind der Meinung, wir seien wiedergeborene Seelen in neuen Körpern, um zu vollenden, was noch offen war. Noch andere sind davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch, eine einmalige, in seiner Persönlichkeit liegende Berufung hat, die nur er selbst aus-leben kann. Verpasst er diese, nimmt die Weltgeschichte einen andern Lauf…

Der Sinn des Lebens ist zu leben. Das Sein. Die Existenz an sich.

Henryk Hauptmann

Unser Tod ist wichtig. Als Zielpunkt hier auf dieser Erde, damit wir ihn fokussieren. Damit wir auf den Tag unseres Ablebens hinarbeiten. Als Referenz, als Maßstab, für das was uns täglich begegnet.

ableben, abgehen, abscheiden, abkratzen, die Augen für immer schließen, aus der Welt scheiden, abnippeln, sich davonmachen, draufgehen, einschlafen, einschlummern, enden, entschlafen, entschlummern, von uns gehen, den Geist aufgeben, dran glauben müssen, heimgehen, hinsterben, hinüberschlummern, hopsgehen, jemanden verlassen, jemandem ins Grab folgen, ins Gras beißen, die Grätsche machen, krepieren, den Löffel abgeben, umkommen, verlöschen, eingehen wie eine Primel, den Weg alles Irdischen gehen, hopsgehen, die ewige Ruhe finden, ums Leben kommen, sein Leben lassen, den letzten Weg gehen, die letzte Reise antreten, in den letzten Zügen liegen, in den Staub beißen, in die ewigen Jagdgründe eingehen, den Tod finden, über den Jordan gehen, verrecken, jemandes letzte Stunde hat geschlagen, den Weg alles Irdischen gehen, den Weg allen Fleisches gehen, zu Staub und Asche werden, das Zeitliche segnen

Link

Wie führe ich das Leben, welches ich will?

Zuerst kommt Bewusstsein. Bewusstsein meiner Selbst, meiner Endlichkeit. Selbst-bewusst-sein. Ich bin ich. So wie ich bin bin ich gut. Es besteht kein Grund anders sein zu müssen. Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit für jeden Schritt meines Lebens. Selbstverantwortung. Mach dich frei von unrealistischen Erwartungen an dich selbst und vor allem von den Erwartungen der Anderen. Lebe nicht anderen zu Gefallen.

Nur wer loslässt, hat beide Hände frei um eine Chance zu ergreifen.

Kartenspruch

Vertrauen in das Leben, dass das bestmöglich Mögliche geschieht. Indem du losgehst, ängstlich die ersten Schritte tust. Vertraue in deine Stärke. Lerne deinem Bauchgefühl zu vertrauen. Unser Bauch weiß mehr als unser Gehirn (echt jetzt!).

Mache dich frei von Schuldzuweisungen von anderen und vor allem an andere. Es bringt nichts. Es hält dich klein und unmündig. Du machst dich zum Opfer und bleibst darin stecken und suhlst dich genüsslich in deinem Selbstmitleid. Schluss damit!

Wem du die Schuld gibst, dem gibst du die Macht.

Aus einem Erfolgsbuch – Kapitel 1

Sei bereit

Lebe so, als ob der jetzige Tag dein letzter sein würde. Verschiebe nichts. Mach es dir nicht schwer. Lass alte, erledigte Sachen los. Beerdige jedes: „Ach ich hätte doch nur, eigentlich wollte ich doch noch..“ Bietet dir das Leben eine Chance, greife zu. Eine Couch, die du schon immer haben wolltest, die Möglichkeit an einer Reise, einem Seminar… teilzunehmen… tue es. Jemand lädt dich zum Essen ein oder bittet dich um einen kleinen (einen kleinen!!!) Gefallen. Du hast einen Impuls jemandem eine Blume zu schenken, ein Kompliment zu machen… tue es. Du machst dich auf den Weg um jemanden Besuchen und er ist nicht zu Hause. Du denkst an einen anderen Freund, fahr vorbei…

Wichtig: Bleib entspannt. Was sich ergibt, ist gut. Erzwinge nichts. Dies ist das „absichtslose Handeln“ von dem im Buddhismus die Rede ist.

Du bereust nur dass, was du nicht getan hast.

Ich las vor kurzem das Buch „MUT“ von Osho. Er schrieb: Tue immer das Neue, das Unbekannte, auch wenn es schiefgeht… verlasse deine (vermeintliche) Sicherheit, deine Komfortzone. Nur in dem Neuen ist das Leben. Lass die Ängstlichkeit hinter dir.

Erkenne dich selbst*

Such nicht nach dem was du gerne tun würdest. Sondern finde heraus und erkenne was du besonders gut kannst. Ich las die Geschichte einer jungen Frau. Die konnte supertoll singen. Sie war bei einem Livecoach angemeldet, weil sie nicht wusste welchen Beruf sie ergreifen sollte. Bei deren Hinweis auf ihr Gesangstalent meinte sie nur lapidar: „Das kann doch jeder“. Ihre Begabung war ihr unbewusst. Unterdessen ist sie eine erfolgreiche Sängerin.

Du kannst es, du weißt es nur noch nicht.

*) Temet nosce – Leitspruch über dem Orakel von Delphi

Befreie deine Gedanken

Höre auf zu denken, alles bis ins Detail zu planen. Gib dich dem Leben hin. Halte nicht an deinen Vorstellungen fest, wenn es nicht klappt. Lass den Dingen Ihren Lauf. Nimm, dass was das Leben für dich bereithält dankbar an. Licht und Schatten. Wehre dich nicht dagegen.

Zu viele Bedenken. Nicht immer nur Denken.

Film: Last Samurai

Die Samurai und der Tod

Ein Samurai ist ganz in dem Moment, ganz der Kampf, ganz das Schwert. Kein Gedanke an die Frau, die Kinder, den möglichen Tod, kein Gedanke an den Gegner. Kein Hass, keine Wut. Nur der Moment. Nur so konnte der Samurai den Kampf überstehen. Es ging nicht darum zu gewinnen, sondern nicht zu sterben.

Sich in die Schlacht zu stürzen und darin erschlagen zu werden ist leicht. Der erstbeste Flegel kann solches tun. Es ist hingegen wahrer Mut, zu leben, wenn es recht ist zu leben, und nur dann zu sterben, wenn es recht ist zu sterben.

Inazo Nitobe – BUSHIDO – Die Seele Japans 1905

Von frühster Kindheit an wurden die Samurai mit dem Tod konfrontiert. Sie setzten sich jeden Tag mit ihrem möglichen Tod auseinander. Nur ein Tod im Kampf galt als ehrenvoll. Ein gewöhnliches „dahinscheiden“ empfanden sie als unpassend. Furchtlose Menschen sind sehr fokussiert auf Ihrem Weg. Sie riskieren alles und erreichen Unglaubliches.

Wenn du bereit bist zu sterben, dann bist du bereit für alles andere.

Henryk Hauptmann

Lebe so, das dein Tod die Vollendung ist. Der letzte Pinselstrich eines Malers an seinem Gemälde.

Der Tod eine Tür

Pippin: „Ich hätte nicht gedacht, dass es so endet …“
Gandalf: „Endet? … Nein, hier endet die Reise nicht. Der Tod ist nur ein weiterer Weg, einer, den wir alle gehen müssen. Der graue Regenvorhang dieser Welt wird zurückgezogen und alles verwandelt sich in silbernes Glas … Und dann siehst du es …“
Pippin: „Was, Gandalf? Was sehe ich?“
Gandalf: „Weiße Strände … und dahinter ein fernes grünes Land hinter einer rasch aufgehenden Sonne.“
Pippin: „Na, dann ist es doch nicht so schlimm …“
Gandalf: „Nein, das ist es nicht …“

Herr der Ringe

Gedicht – Ewigkeit

das Gras wächst
ich mähe
es stirbt
ich füttere den Hasen
der Hase wächst
ich mähe
er stirbt
ich esse den Hasen
ich wachse
er mäht
ich sterbe
auf meinem Grab ein Baum
an seinen Wurzeln
Zettel mit Wünschen und Sorgen vergraben
zwei Menschen gestehen sich Zuneigung
unter meinem Blätterdach
lieben sich an meinem Stamm gelehnt
im Mondenschein erzittern Zweige
sie sagt es ihm beim Picknick
ihr Kind schläft in meinem Schatten
die Mutter stillt es
liest Bücher vor
es klettert auf meine Äste
isst meine Früchte
es wächst
es mäht Gras
ich lebe

07.06.2020 – Henryk Hauptmann

Also dann, furchtlos voran 🙂
Euer Henryk

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