Erfolg ist sexy – Scheitern ist sexier

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Alle streben nach Erfolg. Nur der erste Platz zählt, der Zweite ist schon Verlierer, obwohl er ebenso Weltklasse ist. Vielleicht ging nur eine hundertstel Sekunde hinter dem Gewinner durchs Ziel.

Schachfiguren im Schachmatt
Schachmatt – jedes Scheitern bringt uns weiter.
Image by Steve Buissinne from Pixabay

„The winner takes it all.“

ABBA

Irgendwo habe ich gelesen: „Erfolg macht sexy“. Viele Hollywood-Blockbuster unterstützen diesen Mythos. Gutaussehende Frauen, die sich an den Gewinner ran schmeißen. Wer will schon ein Kind von einem Verlierer. „Du bist ein Looser“. Mobbing vom Schlimmsten. Mehr kann ein Mensch in unserer Leistungsgesellschaft nicht herabgewürdigt werden.

Warum ist verlieren stigmatisiert?

Scheitern fordert heraus, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Uns zu hinterfragen, unseren Weg zu reflektieren. Erst der Schmerz des Scheiterns aktiviert unsere Bereitschaft dazu. Der Sieger stellt keine Fragen. Er hat (scheinbar) alles richtig gemacht. Versagen bietet mehr Potenzial zu wachsen, als zu Siegen. Fehler sind der beste Katalysator für den Fortschritt, jeder Wissenschaftler weiß es. Der beste Weg zu lernen ist durch fremde Fehler, am schmerzhaftesten durch eigene. Letztendlich, gehören Erfolg und Scheitern untrennbar zusammen, wie die beiden Seiten einer Medaille. Jeder der erfolgreiche Mensch ist vorher unzählige Male gescheitert, doch er hat nicht aufgegeben.

„Wie all die Anderen willst du den Weg erlernen zu gewinnen. Aber nie willst du den Weg akzeptieren, wie man verliert. Das Geschlagensein zu akzeptieren. Zu lernen zu sterben, bedeutet davon befreit zu werden. So, wenn das Morgen kommt, musst du deinen ambitionierten Geist befreien und die Kunst des Sterbens erlernen.“

Bruce Lee

Der erste Schritt zu innerem Frieden ist unser Scheitern einzugestehen, es annehmen, dass es gerade jetzt so sein darf. Dass es trotzdem gerade gut ist, mein Leben. Nicht wie ein bockiges Kind schreien und um sich zu schlagen. Dann beginnt Heilung. Dann kann ich anfangen mir Fragen zu stellen.

Was war eigentlich mein Ziel?

Hatte ich eine genaue Vorstellung oder nur einen vagen Wunsch. Oder war es gar ein schwärmerischer Traum? Wie groß ist die Differenz zwischen Ziel und Ergebnis.

War mein Ziel realistisch?

War es überhaupt möglich dieses Ziel zu erreichen? Habe ich einen Plan und Etappenziele erstellt? Oder nur darauflos gewurstelt? Oder blauäugig gewartet und gehofft? Oder war ich sogar zu aktiv, besessen von meiner Idee?

Wollte ich das Ziel tatsächlich erreichen?

Habe ich nur anderen zuliebe oder der Umstände wegen diesen Weg eingeschlagen? Oder habe ich alles gegeben und nichts zurückgehalten? Habe ich aufgrund von „Man könnte ja mal…“ begonnen?

Ist es wirklich so schlimm?

Ist das Ergebnis nüchtern gesehen so tragisch, wie es sich anfühlt? Wenn ich das Ganze aus einer anderen Perspektive betrachte, ist es dann immer noch furchtbar? Kann ich vielleicht trotzdem von der Situation profitieren? Oder ist nur mein Ego verletzt.

„War der Tag nicht mein Freund, dann war er dennoch mein Lehrer“

Unbekannt

Was lerne ich daraus?

War der gewählte Weg, die Methode geeignet das Ziel zu erreichen? War ich gut vorbereitet? Hatte ich ausreichend und korrekte Informationen zu meinem Vorhaben? Sollte ich es noch einmal auf andere Art und Weise versuchen? Brauche ich Unterstützung, Rat oder Hilfe?

Wie bin ich selbst am Scheitern beteiligt?

Die klassische Schuldfrage. Einen Schuldigen zu suchen, ist keine gute Idee. Besonders keinen Außenstehenden. „Wem ich die Schuld gebe, dem gebe ich die Macht“ – über mich, mein Leben, die Situation. Auch sich selbstmitleidig als Sündenbock beweinen, bringt nicht weiter. Sondern ehrlich und liebevoll zu prüfen, wie habe ich mit gut gemeinten oder weniger passenden Aktionen das Scheitern mitverursacht. Hätte ich in der Situation überhaupt anders handeln können, oder erkenne ich dies erst jetzt rückblickend? Wollte ich es unbedingt auf eine bestimmte Art erreichen, war zu fokussiert auf meine Vorstellung es umzusetzen? Habe ich dabei andere gute Gelegenheiten verpasst?

Sind in der Tat Dritte beteiligt gewesen? Dann ist es wichtig meinen Zorn, Wut, Anklagen ihnen (und vor allem auch mir selbst) gegenüber nach einiger Zeit loszulassen. Vielleicht brauche ich in schwerwiegenden Fällen professionelle Unterstürzung. Das ist vollkommen legitim. Oft reicht auch das Gespräch mit einem guten Freund.

Fazit

Scheitern ist eines der großen Geheimnisse des Lebens. Es schenkt uns die Gelegenheit zu wachsen. Gewinnen ist die Ausnahme, Verlieren die Regel war ein häufiger Spruch meines Trainers. Wichtig ist, wie gehe ich selbst damit um. Wie ordne ich die Dinge ein? Welchen Wert, welches Gewicht gebe ich den Geschehnissen? Vielleicht gelingt dir dies ohne die uns geläufige Einteilung in gut/schlecht, richtig/falsch. Möglicherweise ist diese Erfahrung ganz dringend notwendig, um an einem wichtigen Punkt weiterzukommen. Hilfreich ist, diesen Prozess mit Stift und Zettel oder einem Tagebuch zu begleiten. Das hilft Fortschritte zu erkennen.

Also dann – be sexier 🙂
Euer Henryk

One thought on “Erfolg ist sexy – Scheitern ist sexier

  1. Lena

    Danke für diese Zeilen. Manchmal braucht man mitten in der Nacht einen kleinen Reminder, dass man das Leben aus vielen Perspektiven berichten kann.

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