Abschied tut weh. Eine Chance für Veränderung.

Lesezeit ca.: 8 Minuten

Ein Brief an ein Mädchen aus unserem Kurs. Sie weinte, weil sie mit ihrer Mama in eine neue Stadt ziehen „musste“. Um sie zu trösten und zu ermutigen, schrieb ich ihr diesen Brief. Vielleicht steht du auch gerade vor einem Abschied. Dann nimm dir etwas Zeit diese Zeilen zu lesen. Sieh die Chance, die das Leben dir bietet…

Ente aus Ton beim trampen.
Auf zu neuen Ufern… nur Mut.
Image by Alexas_Fotos from Pixabay

Liebe Mary,

unser Gespräch gestern hat mich sehr bewegt und ich habe noch viel darüber nachgedacht. Ein paar von meinen Gedanken würde ich dir hiermit gern noch auf deinen neuen Weg mitgeben.

Angst ist normal

Ich weiß es sehr gut aus eigener Erfahrung. Veränderungen machen zuerst Angst. Das ist so. Und das ist gar nicht schlimm. Angst ist ein Teil unseres Lebens. Angst zu haben ist nichts Unnormales. Das hat jeder, nur gibt es keiner gern zu. Sie hilft uns bewusst zu Leben, beschützt uns vor Gefahren und gibt uns die Chance mutig zu sein. Dies zu akzeptieren hilft auf dem Weg zum inneren Frieden.

Ich habe die letzten Jahre auch viele Veränderungen erlebt und deswegen sehr viel geweint. Allein in meinem Zimmer oder irgendwo draußen im Wald. Manchmal so lange bis keine Tränen mehr kamen. Und ich hab gemerkt, das tut der Seele gut, das war befreiend und hat die Dinge erträglicher gemacht.

Ich weiß auch, wie sich dieser Schmerz anfühlt, als ob jemand einem ins Herz schneidet. Und eine Ohnmacht, weil man das Gefühl hat, das man ja nichts dafür kann. Und vor allem, egal was man tun könnte, es nichts an der Sache ändert. Ich hab mich dann manchmal so gefühlt, als ob ich jeden Moment den Boden unter den Füßen verliere. Oft schrieb ich in dieser Zeit Gedichte. Es sind einige geworden. Das half mir sehr.

Dinge geschehen – Punkt

Eine andere wichtige Sache, die ich in diesen letzten schweren Jahren gelernt hab, ist folgende:

Die Dinge, die uns geschehen, geschehen einfach. Vielleicht sogar ohne das jemand „Schuld“ ist. Dagegen kann man nichts tun. Die wären immer wieder genau so geschehen. So wie Karma oder Schicksal. Egal wie man es nennen will. Grübeleien, hätte, wenn und aber helfen da nicht weiter. Sie blockieren uns, unseren Lebensfluss.

Was du tun kannst um wieder glücklich zu werden? Es akzeptieren. Am Anfang vielleicht widerwillig. Die Gefühle sagen einem noch was ganz anderes. So war es bei mir. Am besten irgendwo im stillen Zimmer laut aussprechen. Immer wieder. Bis es sich so anfühlt. Zum Beispiel.

Ich mag diese neue Situation gerade eben noch nicht, doch nehme sie an so wie sie ist.
Ich gebe es auf, mich dagegen zu wehren und Widerstand zu leisten. Es ist gut so wie es gerade jetzt in diesem Moment ist.
Mein Leben ist gut. Mein Leben ist schön.

Akzeptiere die Veränderung

Wenn wir die Dinge ablehnen, sagen wir dem Universum: „Unser Leben ist schlecht.“ Oder: „Gott du hast etwas Schlechtes geschaffen.“ Leider zieht sich das dann so weiter und wächst in unseren Gefühlen. Das Negative wird bestärkt. Etwas anzunehmen, dass gerade jetzt so ist, bedeutet nicht tatenlos alles über sich ergehen zu lassen (das nennt sich Fatalismus). Sondern ruhig zu werden, um klarer sehen zu können. Und dann darüber nachzudenken, wie du aus dieser Situation weiter für die Zukunft handeln kannst.

„Veränderung ist das Leben, Stillstand ist der Tod“

unbekannt

Später habe ich dann sogar gesagt: „Willkommen Schmerz, Wut, Trauer. Schön das du jetzt da bist. Das ist wichtig, das ist gut, dass muss gerade jetzt so sein. Ich umarme dich“. Was ich dann erlebt habe, dass mitten in dem Schmerz, der Trauer und Ohnmacht ein kleines freundliches Licht anging. Und das die Bitterkeit etwas weicher und süßer wurde. Das mache ich heute noch so, auch bei körperlichen Schmerzen. Und es hilft. Für mich war es ein sehr langer und steiniger Weg dahin…

Erinnere dich an unser Training:

Das Licht vertreibt die Finsternis. Das Weiche ist stärker als das Harte.
Die Liebe überwindet die Gleichgültigkeit. Immer und in jedem Fall.“

Henryk Hauptmann

Gib dem Neuen eine Chance

Ein große Bitte habe ich an dich. Gib dem Neuen, der neuen Stadt, den neuen Menschen in deinem Leben eine Chance. Ich war schon einige Male in da. Die haben einen sehr schönen Weihnachtsmarkt. Oder die Dauerausstellung. Auch ansonsten ist es ein niedliches Städtchen. Ich will dir was von meiner großen Tochter erzählen. Vor drei Jahren beendete sie die Mittelschule und entschied sich auf das Gymnasium zu wechseln. Ich weiß es noch wie heute. Sie war ganz traurig, dass sie ihre vielen Freunde verlieren würde. „Ich werde nie wieder solche Freunde finden!“, war ihre Aussage. Vor zwei Wochen feierte sie ihren Abiball. Als ich sie Mitternacht abholte, gab es viele Tränen. „Das ist meine Familie, meine Freunde…“ Auch diesmal hatte sie wieder neue Freunde gefunden.

Bleib offen

Behalte trotz des momentanen Kummers ein offenes, neugieriges Herz. Das Leben wartet auf dich und will sich entfalten. Gib ihm diese Chance. Es könnte sein, das du in einigen Jahren zurückblickst und feststellst: Ohne diesen Umzug hätte ich diese tollen Erlebnisse verpasst, diese tollen Menschen niemals kennengelernt…

Loslassen, was man nicht halten kann und akzeptieren was gerade ist, sind für mich einige der größten Geheimnisse für ein erfülltes, glückliches Leben. Unser Leben verläuft nicht gleichmäßig linear. Es hat Windungen, Höhen, Tiefen, Freude und Trauer. Manchmal muss man kämpfen. Niemals GEGEN etwas oder Menschen, sondern immer FÜR etwas. Vor allem kämpft man meist mit sich selbst. Oft fällt einem viel Gutes zu, ohne dass man etwas „gemacht“ hat.

Manchmal hat man sich zu sehr auf etwas ganz bestimmtes fixiert. Man hat ganz genaue Vorstellungen und Erwartungen wie etwas zu sein oder zu passieren hat und verpasst dabei die Blumen am Wegesrand. Die Geschenke, welche das Leben hinter dem nächsten Dornenstrauch für uns versteckt. Träume und Ziele sind gut und wichtig. Doch das Leben ist gerade jetzt. Wir sind auf dem Weg. Es beginnt nicht erst, wenn du dein Abi oder dein Studium geschafft hast, oder den Führerschein oder einen Freund…

Sowohl als auch

Unser ganzes Leben ist immer ein sowohl als auch. Zugleich. In einem Moment. Licht und Schatten. Im Buddhismus gibt es dafür das Symbol des Ying und Yang. Du weißt, wir haben darüber gesprochen versöhnt zu sein mit den eigenen Schatten im Leben. Mit den Dingen die uns persönlich nicht so an uns gefallen. Vielleicht sind diese Dinge ja gut und wichtig und wir können das nur nicht sehen? Stehe zu dir selbst, zu deinen Stärken und Schwächen. Entschuldige dich nicht dafür, dass du bist, wer du bist. Mach dich selbst nicht kein und lasse auch nicht zu, dass andere es tun.

Es gibt kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht. Das sind nur die Aufkleber, die wir selbst den Dingen und Erlebnissen verpassen. Diese Einteilungen entspringen einfach nur unserem Denken. Unserer Meinung, unseren Anschichten. Unserer westlichen Lebensphilosophie. Dem was wir gelernt haben. Wenn wir es schaffen, die Dinge, die Menschen, die Erfahrungen die uns begegnen neutral zu betrachten, unvoreingenommen, ohne Vorurteile, dann können wir an dem Dornenstrauch die schönen Rosen entdecken und uns daran erfreuen.

Hab keine Angst

Liebe Mary.

Ich wünsch dir von ganzem Herzen ein erfülltes Leben. Du bist wertvoll und bist liebenswert. Glücklich zu sein steht dir zu. Du bist ein Kämpfer. Die größte Kunst ist, so in dir zu ruhen, dass du gar nicht erst kämpfen musst. Sei mutig. Sie Stark. Sei selbstbewusst. Du trägst es in dir. Du kannst es. Vielleicht weißt du es bei manchen Dingen nur noch nicht. Probiere, versuche, gehe (vermeintliche) Risiken ein. Tue Dinge, vor denen du dich fürchtest. Sie könnten es wert sein. Habe keine Angst davor Fehler zu machen. Sie sind wichtige Erfahrungen. Tue Dinge, von denen die Leute sagen „Das macht man aber nicht“ – das ist nur ihre eigene Unsicherheit oder der Neid.

Ich hab in einer Band gesungen, ein Theaterstück geschrieben und selbst gespielt. Ich hab Jugendarbeit geleitet, Hilfstransporte gefahren, Menschen in ehemaligen Kriegsgebieten besucht und getröstet. Ein Jahr war ich mit meiner Familie im Ausland, hab dort an einer Schule unterrichtet, ohne Ausbildung, doch mit Herzen. Dann die Ausbildung zum Kampfsporttrainer, Klamotten genäht, gedolmetscht, getaucht, gepredigt… Finde deinen Weg der Freude.

Lerne deinem Bauchgefühl zu vertrauen. Es ist ein wichtiger Kompass. Das Tolle daran ist, es wird dir dann immer leichter fallen sogenannte „Entscheidungen“ zu treffen. Wir entscheiden uns bis zu 20.000 mal täglich. Und merken kaum etwas davon. Krass, oder?

Probiere dich aus

Lies viel (am besten jede Woche ein Buch), reise viel. Lerne andere Länder, Menschen, Religionen kennen. Suche dir deinen eigenen Zugang zu Glauben und Spiritualität. Dieser Weg hat mir seit meiner Kindheit viel Kraft und Zuversicht gegeben, gerade in dunklen Tagen. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde die lassen sich nicht beweisen oder wissenschaftlich erklären und trotzdem entfalten sie ihre Kraft.

Vor allem, wenn du etwas älter bist, suche dir eine Beschäftigung, mit der du nicht unbedingt Geld verdienst. Bei der du Andern etwas zurückgeben kannst, dies ist eine große Bereicherung. Lerne weitere Sprachen. Probiere Instrumente aus. Singe (auch nur für dich). Versuche dich im Malen und Gedichte schreiben. Besuche Museen, geh ins Theater, zu Buchlesungen, Konzerten… Koche selber – ich liebe es. Mach immer irgend etwas Sportliches. Doch nimm dir auch genug Zeit, um auszuruhen, zum fröhlichen Faulenzen und Nichtstun. Da kommen einem da die besten Ideen.

Träume

Gib niemals deine Träume auf. Nicht einer Arbeit, etwas käuflichem oder einem Menschen zu liebe. Es kommt der Tag, an dem du dies zu tiefst bedauern wirst. Sorge gut für dich selbst. Achte darauf, dass es dir gut geht, mach dich schick. Trotzdem lege nicht zu viel Wert auf Äußerlichkeiten. Verschiebe nichts auf Morgen. Besuche einen Freund, mach einen Anruf, schreib einen Brief, wenn es dir gerade einfällt. Nimm dir Zeit für einen Tee. Sei spontan. Vertraue dem Leben. Es sorgt für dich. Erwarte immer das Bestmögliche.

Vergib

Werde nicht bitter, wenn Menschen dich enttäuschen. Vergib schnell. Lass dir keine Schulgefühle machen oder mach dir selbst Vorwürfe. Verzichte darauf dich zu rechtfertigen. Das bringt niemandem etwas. Halte dich nicht zulange auf mit Dingen auf, die vergangen sind. Auch, wenn es erst ein paar Tage oder auch Minuten her ist. Gewinne Freunde. Sei ein Freund. Lerne zuzuhören. Das ist eine unschlagbare Tugend. Verwende deine Energie und Aufmerksamkeit für Dinge die sich nicht kaufen lassen. Mach Geschenke. Verschenke Zeit, Erlebnisse, Zuwendung. Liebe. Ohne Vorbehalte. Immer wieder. Auch wenn es mal schiefgeht, Menschen deine Liebe nicht erwidern oder sogar darauf spucken. Du weißt, Liebe ist stärker. Niemand und nichts kann sie besiegen.

Vielleicht schafft es dieser Brief in dein Schatzkästchen (ich hatte so etwas) und du liest ihn in ein paar Jahren nochmal. Oder zu den Geburtstagen oder an Neujahr…

Sei lieb umarmt
Dein Trainer Henryk

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.